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Irrweg Elektromobilität?

Seit 1990, als wir begannen, uns mit Gabelstaplern zu beschäftigen, haben wir auch mit Elektroantrieb zu tun. Heutzutage sind sogar die meisten Flurförderzeuge hierzulande elektrisch betrieben.

Das Thema ist uns und mir also nicht fremd, im Gegenteil. Umso mehr ärgert mich der unsinnige Grabenkampf, der momentan in sozialen Netzwerken und teilweise auch vermeintlich seriösen Medien stattfindet.

Mit der Überschrift zitiere ich den Rallyefahrer Walter Röhrl, der Elektromobilität als Irrweg bezeichnet. Röhrl ist eine unbestrittene Legende, ein Idol meiner Jugend. Für mich nur übertroffen von Motorradrennfahrer Toni Mang, von dem zahlreiche Bilder und Poster in meinem Kinderzimmer hingen. Ich mag ihn also und gönne ihm seine Meinung. Wie könnte ich auch von einem 72 Jahre alten Bleifuss erwarten, dass er mit seinem Mindset im hohen Alter noch die Kurve kriegt, wenn das laute RÖHRen des Motors schon im Namen steckt? Dass er aber im jüngsten Beitrag für seinen Arbeitgeber!!! Porsche den neuen Taycan testet und behauptet, dies objektiv zu tun, ist schon ein starkes Stück. Meine Antwort dazu: Objektiv? Gibt es nur im Fotofachgeschäft! Schließlich schaut jeder Mensch durch seine eigene Brille, hat eine individuelle Wahrnehmung und (hoffentlich) eine eigene Meinung ...

Ärgerlicher finde ich dann, wenn andere von mir geschätzte Personen wie Dieter Nuhr oder Harald Lesch mit Ausschnitten zu sehen sind, die ein Thema verkürzt oder faktenresistent darstellen. So erzählt Dieter Nuhr, dass die Produktion einer Elektroautobatterie so viel CO2 verbraucht wie ein Diesel nach acht Jahren. Die zugrunde liegende sogenannte Schwedenstudie wurde allerdings falsch interpretiert, worauf mittlerweile selbst der Urheber der Studie hingewiesen hat. Hier die Geschichte dazu auf Handelsblatt edison. Also Fake News, die nun seit Monaten durch die Welt getrieben werden. Die angeblichen seltenen Erden Lithium und Kobalt. Harald Lesch lässt sich über die Lithium-Förderung in der Atacama-Wüste aus und berücksichtigt dabei auch nicht alle Aspekte, obwohl er in Summe in die richtige Richtung denkt.

Dann wird noch von verschiedenen Seiten suggeriert, dass Autobatterien schuld an Kobaltförderung im Kongo seien. Natürlich nur in Kinderarbeit. Dass Kobalt auch zum Härten von Kurbelwellen benötigt wird und somit ebenso für jeden Verbrennungsmotor wie auch für viele andere Dinge verwendet wird, spielt plötzlich keine Rolle mehr.

Die zentrale Frage lautet mal wieder: Wem nützt es? Wenn der SWR, der Heimatsender des Ländles, sich in seinen Reportagen redlich bemüht, Tesla in einem schlechten Licht dastehen zu lassen, wem nützt es? Richtig. Der deutschen Automobilindustrie. Je mehr die Menschen bezüglich neuer Antriebssysteme verunsichert werden, umso länger kann an Altbewährtem festgehalten werden. Schließlich wurde der Zug verpasst und man reagiert nur noch, anstatt zu agieren. Davon abgesehen, dass der Dieselskandal eigentlich Manipulationsskandal heißen müsste.

Womit wir beim Thema Diesel wären. Dies war über viele Jahre die bevorzugte Antriebsart. Uns wurde ja auch vermittelt, dass dies die beste Wahl ist. Nun fahren Millionen Diesel-PKW auf unseren Straßen und Millionen Autobesitzer sind verunsichert über die Situation. Fahrverbote, Feinstaubdiskussionen und vieles, was unsinnig erscheint. In Hamburg müssen Umwege gefahren werden, während nebenan Kreuzfahrtschiffe mit Schweröl die Luft verpesten. Das macht viele wütend. Und wohin nun mit dieser Wut? Am besten in Richtung Elektromobilität und Politik loswerden. Schließlich ist es ja auch entlastend, nun mit der Verbreitung von Halbwahrheiten über Kobalt und Lithium darauf hinzuweisen, dass ja der Antrieb des eigenen PKW nicht so schlimm ist. Da wird dann schnell mal ein unsinniges Bildchen mit like-heischenden Texten wie „STOPPT die Diesel-Hysterie“ geteilt, dass manch einer erstellt, um seine Social-Media-Reichweite zu erhöhen. Natürlich erregen die Fahrverbote die Gemüter. Da hat man also ein Thema, mit dem sich Stimmung machen lässt: gegen die Regierung, gegen Parteien, gegen “die da oben.”

Wenn dann noch der Lungenarzt Hans-Dieter Köhler öffentlichkeitswirksam Grenzwerte in Frage stellt, dann muss dies ja stimmen. Oder vielleicht doch nicht? Zumindest gibt es auch hierzu Gegenstimmen. Wie im Interview von Gabor Steingart vom 24.1.2019 mit Prof. Dr. Christian Witt von der Charité Berlin, der mit Hintergrund vieler internationaler Studien nur Unverständnis für seinen Fachkollegen hat. Sein Satz: “Wir drängen natürlich darauf, alle Maßnahmen zu ergreifen, die zur Minderung der Luftbelastungen führen.” erscheint mir logisch. Oder haben Sie ein gutes Gefühl, wenn Sie den Gestank aus Auspuffen in den Städten inhalieren?

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich habe nichts gegen Verbrennungsmotoren. Im Gegenteil. Ich lernte den Beruf des Kraftfahrzeugmechanikers, hatte mit V- und Reihenmotoren zu tun und fahre seit 1994 Diesel. Und nun auch Elektro. Es wäre ökonomischer und ökologischer Wahnsinn, nun über Anreizsysteme junge Dieselautos zu vernichten. Auch der Export in andere Länder hilft ganzheitlich betrachtet nicht, Luftverschmutzung macht nicht an Ländergrenzen halt. Während hierzulande technologisch aufgerüstet wurde, werden in der sogenannten dritten Welt von indischen Bussen ungefilterte Abgase in die Luft geblasen.

Auch beim Verbrennungsmotor ist noch Luft nach oben. Wassereinspritzung ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Auch hier sollte weiter optimiert werden, denn es wird noch einige Jahre dauern, bis sich für alle Fahrzeuge emissionsfreie Antriebe durchgesetzt haben. Die Gefahr ist nur, dass in dem Moment, in dem die Energie für Forschung und Entwicklung in Deutschland weiter auf den Verbrennungsmotor gerichtet wird, andere Hersteller disruptiv überholen. Toyota und Hyundai haben bei der Wasserstoff-Brennstoffzelle die Nase meilenweit vorne. Diese scheint in der Gesamtbilanz derzeit in kleineren Einheiten im Hintertreffen zu liegen. Dort, wo eine höhere Energiedichte benötigt wird, ist sie aber die sinnvollste Alternative. Weder für große LKW noch für Flugzeuge existiert heute schon eine Batterie, die leicht und klein genug ist, von Ladezeiten ganz abgesehen ...

Wasserstoff entsteht bestenfalls als Nebenprodukt industrieller Anwendungen. Er kann aber auch im Rahmen der sogenannten Sektorenkopplung im Power-to-Gas-Verfahren erzeugt werden. Im Moment geben wir Geld in Richtung unserer Nachbarstaaten aus, damit uns diese in Überlastsituationen Strom abnehmen. Mir ist noch kein Wort dafür bekannt, dass man noch bezahlen muss, wenn man etwas verschenkt. Na gut, außer Schenkungssteuer vielleicht... Worauf ich aber hinaus will: Wenn Elektrolyseure an Windparks Wasserstoff oder Methan produzieren, können wir auch Ausgleichssysteme schaffen. Methan kann auch über das Erdgasnetz von Nord nach Süd gebracht werden und wir können uns Stromtrassen wie Suedlink ersparen. Wenn E-Autos und elektrisch angetriebene Gabelstapler mit bidirektionaler Ladung ausgleichend im Netz eingebunden werden, bekommen wir auch die Schwankungen durch erneuerbare Energie besser ausgeglichen. An solchen Konzepten arbeiten wir im Unternehmen und in Verbindung mit StartUps wie gridX, dem wir mit einem Investment beim Start behilflich waren.

In der gerade erschienenen Wirtschaftswoche 5/2019 ist nicht nur mit einer tollen Titelgeschichte der “Aufstand gegen das E-Auto” umfassend beleuchtet. (Da hatte ich den Blogbeitrag schon weitestgehend fertig.) MAN-Vorstand Uwe Lauber zeigt in seinem Gastkommentar “Wie wir Afrika helfen und dabei auch das Klima retten” auf, dass mit Power-to-X in den sonnenreichen Gebieten in der Nähe des Äquators E-Fuels als klimaneutrale Exportprodukte produziert werden können. Dies kann Wohlstand erzeugen und Fluchtursachen beseitigen, was auch Europa wieder nützt, wenn wir dies unterstützen.

Ich behaupte, dass mit Nutzung solcher Optionen in wenigen Jahrzehnten Energie im Überfluss vorhanden sein wird und somit ein wichtiger Grund für heutzutage geführte Kriege entfällt. Schwieriger ist es vorauszusagen, wie der Übergang bis dahin gestaltet wird.

Dieser Blogbeitrag ist länger geworden. Wahrscheinlich ist es der längste bisher. Ich habe viele Stunden daran gearbeitet und umfassend recherchiert. Ich könnte statt der eingefügten Links eine noch umfangreichere Artikelsammlung anführen. Zum Glück sind in den letzten Tagen vermehrt Anti-FakeNews-Berichte erschienen, so wie dieser in der Wirtschaftswoche von Stefan Hajek. Trotz alledem maße ich mir nicht an, alle Aspekte beleuchtet oder die Wahrheit gepachtet zu haben. Ich bin aber weit davon entfernt, kopflos populistische Sprüche zu teilen.

Nach aller Recherche, allem Für und Wider, steht für mich ein Satz im Vordergrund:
So dreckig, trotz aller Fakten, kann kein Akku sein, wenn man den Weg kennt, den Öl nimmt, bis es als Kraftstoff im Tank ankommt.
Also sollten wir mittel- bis langfristig Alternativen für unsere Mobilität schaffen und nutzen, zumal sich die Bilanz der E-Mobilität mit der Zunahme der erneuerbaren Energien im Strommix ständig weiter verbessert.

Beim Eisenacher Logistikforum am 27.03. wird eine Podiumsdiskussion die Frage “Irrweg Elektromobilität?” beleuchten. Neben Prof. Dr. Johannes Fottner von der TU München werden weitere Experten wie Dieter Althaus von Magna (angefragt) und Dieter Ortmann von maxx solar & energie zu Wort kommen. Sehen wir uns dort?

Ihr / Euer
Sven Lindig

 

 

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